Luftleerer Raum

03. August 2019 Aus Von Susann

Achtung, dieser Blog ist meine persönliche Phsychohygiene. Er ist unzensuriert, mit Schreibfehlern und unstrukturiert – lesen auf eigene Verantwortung!

Seit Tagen sitze ich da und bin mehr oder weniger ratlos. Immer wieder unternehme ich eine Effort, nur um wieder und wieder zu scheitern. Es ist bereits mehr als eine Woche vergangen seit ich an mein persönliches PCT Ende gekommen bin. Und nun sitze ich da mit tausend Möglichkeiten und noch mehr als einem Monat Zeit – die meisten denken sich jetzt spontan, ach wie toll! Wer möchte das nicht, wer hat nicht schon mal davon geträumt einfach Zeit zu haben und einfach loszufahren in eine der vier Himmelsrichtungen. Ich dachte mir das auch. Von Anfang an stand das Abenteuer, die Lust und das Erleben im Vordergrund meiner PCT Reise. Es war mir immer klar, dass ich den Trail verlassen würde wenn dieses innere Gefühl welches mich zu diesem Abenteuer antrieb, verloren ging, und etwas anderes tun würde.

Der Trail war schon bald hart. Nicht physisch sondern was die Entscheidungen betrifft. Zuerst die Sierras. Sie wären nach der Wüste an der Reihe gewesen aber wegen zu viel Schnee haben die meisten Hiker sie ausgelassen (wie ich). Tagelang hat in meinem Innern ein Kampf gewütet – Ego (ich kann das) gegen Vernunft (es ist das Risiko nicht wert) gegen mich (ich habe keine Lust auf Schnee). Natürlich spielen dabei eine ganze Reihe Erwartungen mit – eigene, die von anderen, Erwartungen die man denkt, dass sie andere haben… Am Ende dieses ermüdenden inneren Hin und Her hat sich mein Körper eingemischt und das Battle entschieden. Mein Körper hat mir einen sehr schmerzhaften Shin Splint angeworfen welcher nach meinem Entscheid subito wieder verschwunden ist. In Oregon dann der nächste innere Sturm. Ich hatte einfach nicht genug Freude an meinem Trail Dasein. Und so ist man wieder mit sich beschäftigt. Wieder schlug ich mich mit den verschiedensten Erwartungen herum. Meine eigenen. Obwohl ich versuchte nicht zu viele zu haben sind sie es ja die einem etwas tun lassen. Ohne sie würde man sich gar nie auf den Weg machen. Ich hatte diese Vorstellung wie es sein würde da draussen und vor allem auch wie ICH sein würde da draussen. Was wenn man feststellt, dass man nicht so ist wie man denkt, dass man so ist wie man nicht denkt, dass man vielleicht dann doch gar nicht so sein möchte wie man denkt. Was wenn man feststellt, dass sich gewisse Ängste nicht so einfach überwinden lassen, dass man sie vielleicht sogar nie los wird. Und man erstaunt feststellt, dass Dinge die man als unwichtig erachtet hat doch viel gewichtiger sind für einen. Wir tragen so viele Konzepte in uns mit, so viele Bilder und Muster, so viele Projektionen. Wir sind oft so verklärt und haben tausende Filter. Und dann ist man alleine und hat nichts womit man das alles ausblenden kann. Alles wird sichtbar…die Schwächen, die Unzulänglickeiten, die Muster, der eigene Charakter, die Illusionen. Natürlich würde man dann auch das Gegenteil sehen, aber dafür ist erst einmal kein Raum.

Wie konnte ich überhaupt nur jemals denken, dass fünf Monate lang jeden Tag das exakt gleich tun etwas für mich ist? Wo doch Beständigkeit so ganz und gar nicht mir entspricht! Aber irgend etwas hat mich auf den Trail gebracht und das gleiche Etwas hat entschieden, dass in Cascade Locks mit Sicht auf die Bridge of the Gods das Trail Ende gekommen ist. Nur hat sich dieses Etwas anschliessend aus dem Staub gemacht und mich im luftleeren Raum sitzen lassen.

In Cascade Locks war ich erst mal glücklich. Ich habe geduscht, mein Röckli, mein pinkes T-Shirt angezogen, meine Ohrringe und mein Lippenstift hervorgekramt. Ich habe mich nicht nur äusserlich sondern mich vor allem auch innerlich von den stinkenden, dreckigen Hikern distanziert. So stark, dass ich Leute mit welchen ich zusammen einen schwierigen Fluss überquert habe, nicht wiedererkannt habe. Ich habe bewusste alleine im Pub „gespiesen“.

Und eigentlich war ich bereit nach Hause zu gehen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl ‚mich Niederlassen zu wollen‘, ich denke über Wurzeln nach, über meine Familie, darüber zu Kochen, an meiner Patchworkdecke weiter zu machen…einfach da zufrieden zu sein wo ich bin. Und zum ersten Mal verstehe ich meinen Vater der nur die Schultern zuckt und meint er müsse nicht mehr reisen gehen. Aber ich habe kein Zuhause! Meine Zuhause ist noch für eine Weile das Zuhause anderer Leute und mein Job ist ebenfalls noch für eine Weile der Job anderer. Der Buddhismus sagt, es gibt zwei Dinge die wir tun die uns leiden lassen und unglücklich machen: das erste; wir wollen etwas nicht und versuchen davor weg zu rennen. Das zweite; wir wollen etwas und versuchen hinter drein zu rennen. In beiden Fällen haften wir an und sind unglücklich. Nun sitze ich also hier und versuche etwas loszulassen was ich nicht mehr möchte und etwas loszulassen was ich möchte und nicht haben kann. Beides bis jetzt ohne Erfolg. Und so sitze ich hier – ratlos, tatlos und leidend. Die Tage kommen und gehen und mein Leben scheint darin still zu stehen.

In der Meditation und im Yoga lernt man zu beobachten, zu akzeptieren etc. Und so dachte/hoffte ich, für solche Fälle gewappnet zu sein. Es ist jedoch ein gewaltiger Unterschied ob man dies in einem geschützten Umfeld macht und dazu noch mit Gleichgesinnten oder irgendwo in einem fernen Land mit einer anderen Kultur ohne ein feste Struktur, ohne irgendwo eingebunden zu sein. Da ist niemand der einem Halt gibt, keiner an den man sich lehnen kann. Man muss sich ganz auf sich stützen, sein eigener bester Freund werden. Ich habe die rote Linie welcher ich gefolgt bin verlassen, nun muss ich mir erst wieder eine solche Linie erarbeiten – wer weiss wo sie mich hinführt.

Und so scheitere ich bei jedem Versuch die kommenden Tage zu planen. Die Welt steht mir offen, aber ich will sie gar nicht…

Wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe, dann ist es darauf zu vertrauen, dass es manchmal solch unangenehme Räume geben muss damit etwas Neues kommen kann. Und auch, dass es vorbei gehen wird. Ich bin in der komfortablen Lage, dass mir ein Freund seinen Haus- und Autoschlüssel in die Hand gedrückt hat (während er Ferien in der Schweiz macht) und ich somit ein bisschen sowas wie ein Zuhause habe hier oben in Steilacoom, Washington. Ich bin ihm unendlich dankbar (ich liebe es ganz amerikanisch mit dem grossen Truck in der Gegend rumzufahren)